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Gemeinsam in Europa

EU-Jugendparlament: Zum ersten Mal Gehör finden

Artikel von: http://www.dw.com/de/eu-jugendparlament-zum-ersten-mal-geh%C3%B6r-finden/a-43020671

Zwei Tage haben junge Europäer in Brüssel debattiert und über ihre Vision für Europa demokratisch abgestimmt. Es ging bunter und fröhlicher zu als bei den Staats- und Regierungschefs. Aus Brüssel Uta Steinwehr.

Dolmetscher für Englisch und Französisch sitzen hinter der Glasfront. Eine Uhr zählt die Sekunden für jeden Redebeitrag herunter. Und jeder Sitz hat ein elektronisches System, mit dem die Teilnehmer über die Projektvorschläge abstimmen: Einiges wirkt so offiziell wie immer, wenn im Plenarsaal des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) in Brüssel Sitzungen stattfinden. Anders ist allerdings eines: Die Entscheider sind keine Erwachsenen, sondern knapp einhundert 16- bis 18-jährige Schüler und Schülerinnen. Sie nehmen teil am Projekt "Your Europe, Your Say" - "Dein Europa, Deine Stimme" 2018.

Niemals zuvor hatten sich Eleanor und Maleeha aus Großbritannien als Jugendliche wirklich repräsentiert gefühlt. "Wir dürfen nicht wählen. Deshalb werden wir von Politikern ziemlich ignoriert. Die sehen uns nicht als eine Gruppe, die zufriedengestellt werden muss", sagt Eleanor. Gerade das Brexit-Referendum habe das gezeigt. "Das war eine weitreichende Entscheidung, die unser Leben und unsere Zukunft beeinflussen wird. Wir konnten nichts machen. Das ist ungerecht."

Beide sind von der Veranstaltung des Wirtschafts- und Sozialausschusses begeistert - sie gibt ihnen das Gefühl, gehört zu werden, sie treffen Menschen aus anderen Ländern, finden Freunde. Die Schule der beiden Britinnen hatte sich beworben und dann die Delegierten ausgewählt. Je drei junge Vertreter der 28 EU-Mitgliedsstaaten und der Beitrittskandidaten Albanien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Türkei sind so für zwei Tage nach Brüssel gekommen, um Mitspracherecht in ihrem Europa zu haben, wie der Veranstalter verspricht.

Keine gesetzgebende Funktion

Der EWSA soll in der EU die "organisierte Zivilgesellschaft" repräsentieren. Die Römischen Verträge legten 1957 fest, dass der Wirtschafts- und Sozialausschuss dem EU-Parlament, der EU-Kommission und dem Europäischen Rat beratend zur Seite stehen soll. Der EWSA sieht sich als Brücke zwischen diesen Organen und den über 500 Millionen EU-Bürgern, deren Interessen sie vertreten sollen. Das schließt die Jugendlichen ein.

"Alles was wir tun können, um jungen Menschen eine Stimme zu geben, ist es wert, getan zu werden", findet Gonçalo Lobo Xavier, einer der Vizepräsidenten des EWSA. Es gefällt ihm nicht, wenn den Jugendlichen gesagt wird, sie seien die Zukunft Europas: "Ja, sie sind die Zukunft, aber sie sind auch die Gegenwart."

Bei "Your Europe, Your Say" entwerfen die Jugendlichen in Arbeitsgruppen jedes Jahr zehn Vorschläge für ihre Vision von Europa. Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 geht es - wenig verwunderlich - um das kulturelle Erbe Europas. Die drei Gewinnerideen werden den EU-Organen vorgestellt, erklärt Lobo Xavier - nur drei aus zehn, um den Schülern zu zeigen, wie der demokratische Prozess funktioniert. Und die Grundgedanken der Jugendlichen flössen durchaus manchmal in die Arbeit einiger Mitgliedsstaaten ein.

Sprache als Herausforderung

Am Vorabend der Gruppenarbeit ist Lukáš aus Tschechien nervös. Er spreche sonst nicht so viel Englisch, möchte den anderen aber unbedingt einen Gedanken mitteilen: Er hat die Befürchtung, dass bei all der Globalisierung die kleinen Traditionen und Kulturen verloren gehen könnten. In Brüssel dabei sein zu können, macht ihn stolz: "Wir als Schüler können etwas für die Kultur und Zukunft Europas tun. Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, etwas bewegen zu können." Seine Augen leuchten, er unterstreicht seine Aussagen mit den Händen, zieht sein Sakko zurecht, als wolle er direkt mit der Arbeit beginnen.

Am Anfang des Arbeitstags stehen die Visionen der Jugendlichen für Europa: Gleichberechtigung, Reisemöglichkeiten für alle, die eigene Kultur bewahren und gleichzeitig von anderen lernen, Zusammenarbeit der Länder in der Bildung, Solidarität. Wie sie diese Visionen erreichen können, erarbeiten sie in Gruppen.

Einigkeit über Grenzen hinweg

Gleichaltrige aus Finnland, Italien, Malta, Spanien, der Slowakei und Mazedonien - das sind die Mitstreiter von Jule und Lejla aus Deutschland. Die Diskussion klappt auch ohne Leiter: Die Jugendlichen lassen sich ausreden, gehen aufeinander ein. Hitzig wird es erst, als der Vorschlag kommt, anti-demokratische Parteien von der EU verbieten zu lassen. "Das wäre selbst anti-demokratisch" und "Das ist gegen die Redefreiheit", heißt es. Schließlich einigen die Teilnehmer sich: ein EU-weites Austausch- und Weiterbildungsprogramm für Lehrer soll helfen. Wenn die Lehrer sich über Kulturen weiterbilden, könnten sie Brücken bilden und viele weitere Menschen profitieren, argumentieren sie.

Für Marko aus Montenegro und Gorazd aus Mazedonien ist die Gruppenarbeit schon vorbei. Sie unterhalten sich, während die Sprecher der Gruppe der gemeinsamen Präsentation den letzten Schliff geben. Beide freuen sich, dass sie Teil der Veranstaltung sein dürfen, obwohl ihre Länder noch Beitrittskandidaten zur EU sind. "Wir sind auch Europäer", sagt Gorazd. "Ich fühle mich hier gleichberechtigt. Alles andere ist Politik zwischen den Ländern." Marko betont: "Ich habe das Gefühl, etwas in der EU sagen zu können, denn oft wird die Stimme der kleinen Länder, besonders vom Balkan, in der Gemeinschaft nicht gehört."

Beide Jungen hoffen auf bessere Möglichkeiten für sich und ihre Länder, wenn sie "hoffentlich bald" EU-Mitglied werden. Marko möchte gerne im Ausland Medizin studieren. Als Nicht-EU-Bürger muss er dafür aber in manchen Ländern mehr bezahlen als Einheimische und EU-Ausländer.

Antipathien zwischen den Balkanstaaten können beide nicht verstehen. "Mir wurde beigebracht, einen Menschen danach zu bewerten, ob sein Herz gut ist und nicht, ob er Muslim, Christ, weiß, schwarz, Albaner oder Serbe ist", sagt Marko. Gorazd pflichtet ihm bei: "Ich denke, auch das hat mit Politik zu tun, dass es Feindseligkeiten unter uns Nachbarn gibt." Während des Gesprächs gesellt sich ein Schüler aus Albanien dazu.

Gruppenfoto der deutschen und der dänischen Delegation - die Mitglieder konnten sich auf Deutsch unterhalten

Immer wieder stellen sich die Jugendlichen zu gemeinsamen Selfies zusammen. Je länger der Tag, desto bunter mischen sich die Nationen. "Ich habe heute gelernt, dass es immer etwas gibt, dass Menschen gemeinsam haben, auch wenn sie aus unterschiedlichen Ländern stammen und selbst wenn sie unterschiedliche Ansichten haben. Das ist ermutigend", findet Eleanor aus Großbritannien.

"Wir haben die gleichen Ziele"

Auch für Lejla aus Deutschland ist das der Punkt, der sie am meisten überrascht hat: "Egal woher wir kommen, wir denken eigentlich das Gleiche. Das ist wirklich interessant, dass wir gleiche Ziele haben. Alle können nachvollziehen, was wir in Europa erreichen wollen und wie wichtig die EU ist."

Lukáš aus Tschechien hat es geschafft: Er ist seinen Gedanken losgeworden. Zwar nicht im Plenum, aber in der Gruppe. Mit seinen Mitstreitern hat er ein Programm entwickelt, das es Schülern für mehrere Monate ermöglichen soll, in verschiedenen EU-Staaten zur Schule zu gehen, um Kultur "aus erster Hand" zu erleben. Lukáš ist stolz: "Ich habe das erste Mal gewählt. Ich habe das Gefühl, in der EU etwas bewegen zu können und ich möchte später Politik machen. Das hier ist ein Schritt in diese Richtung."

Drei Vorschläge gewinnen schließlich in der Abstimmung: Ein Austauschprogramm soll sich speziell an Schüler wenden, die Europa bisher nicht kennenlernen konnten. Das Projekt "House of Cuisine" will Menschen durchs Essen und die Geschichte der Rezepte verbinden. Und schließlich sollen dezentrale Museen jenseits der Metropolen mehr Experimente mit Kultur ermöglichen.

Maleeha aus Großbritannien nimmt für sich vor allem eines mit: den Optimismus und die Kraft, für die eigene Überzeugung einzustehen. "Folge nicht einfach der Mehrheit. Es ist okay, eine andere Meinung zu haben. Damit kann man anderen auch neue Blickwinkel eröffnen, die vielleicht noch nicht in diese Richtung gedacht haben."

Solche Aussagen scheinen EWSA-Vizepräsident Lobo Xavier recht zu geben. Er hofft, dass die Jugendlichen als Multiplikatoren von ihren Erlebnissen berichten und für die EU begeistern - gegen antieuropäische Tendenzen. Xavier ernannte die Schüler und Schülerinnen zum Abschluss - "mit der Macht, die mir keiner verliehen hat" - zu EU-Botschaftern.

Die Zug- und Hotelkosten, die für diesen Artikel entstanden, werden von dem EWSA getragen.